...Traum...

aus der Saarbrücker Zeitung vom 28.01.2003:

Zwischen Traum und Wirklichkeit
Marina Salamon im Treffpunkt Altes Rathaus Saarwellingen
Von GERHARD ALT

Saarwellingen. Marina Salamon fährt gern in Urlaub. Sie kommt aber kaum dazu. Deshalb träumt sie von Paris, New York und Peking, schreibt Lieder zwischen Traum und Wirklichkeit - ist auf Tour damit. Jetzt war sie im Bistro Treffpunkt Altes Rathaus in Saarwellingen.

Marina Salamon nimmt Platz auf einem Hocker im voll besetzten Bistro, eine Frau um die Vierzig mit sehr kurzem Haar und sehr langem, schmalem Zopf. Sie wirkt jugendlich, selbstbewusst und gar nicht aufgeregt. Die gebürtige Westberlinerin, die heute als selbstständige Kauffrau und "schon ziemlich lang verheiratet", wie sie sagt, im nördlichen Saarland lebt, hat sich etwas von dem Wilden und Verrückten erhalten, was sie in "Berlin Child" besingt. Und das große Herz hat sie sich zweifellos auch bewahrt. Sie reiht sich selbst in die Tradition der amerikanischen Singer/Songwriter ein, schreibt alle Lieder selbst und auf Englisch und singt sie zur Gitarre.

Erst sei die Musik da. Wenn sie auf der Gitarre spiele, fielen ihr Melodien ein, dann mache sie Texte dazu, erzählt sie in der Pause. "Ich singe darüber, wie ich die Dinge sehe. Es ist nicht so, dass ich wüsste, wie es ist. Ich beschreibe bloß, was mir auffällt", sagt sie. "Es geht um Liebe, Verlust und die alltäglichen Probleme halt." Doch Humor sei auch dabei, versichert sie, auch Selbstironie, etwa wenn sie sich als Pauschal-Touristin darstelle. "Wir werden halt immer schön am Kaufen gehalten", sagt sie einleitend zu "Merchandising Altar", auf das ununterbrochene Angebot zwischen Nikoläusen und Osterhasen verweisend. Salamon macht sich lustig über Konsum und jene Zeitung mit den großen Buchstaben und den vielen Bildern, in der man in der U-Bahn zusammen mit Wildfremden von Liebe, Tod und all den wichtigen und unwichtigen Dingen lesen kann. Lustig klingt das selten, was sie singt. Aus ihren Liedern klingt eher Schwermut. Das liegt zweifellos auch an der ungewöhnlich dunklen Stimme, die ein wenig an
Tracy Chapman oder Alexandra erinnert. Die Themen könnten von Suzan Vega stammen, die musikalische Bandbreite von Joni Mitchell. Wenn solche Frauen singen und Gitarre spielen, heißt es aufpassen: Die haben meist was zu sagen. Bei Marina Salamon sind es nicht die großen Botschaften, es sind die Zwischentöne in einer eher lauten Welt, auf die sie aufmerksam macht. Sie schildert Momente im Leben, die Bruchstellen markieren, besingt den "Point of no Return", wünscht sich Klarheit, um zu entscheiden, wie es weitergehen soll. Sie kennt die Situation auf der Bettkante, da man überlegt, wer man ist, was man tut. Es ist "Your Choice" (deine Wahl). Beim ständigen Hin und Her kriege sie "die Krise". Sie weiß um die "Zerstörungskraft von Wörtern". Nicht nur textlich, auch musikalisch versteht sie es, die labile Monotonie einer Beziehung darzustellen. Manchmal gehen die Zuhörer beim rhythmischen Gitarrenspiel zaghaft mit, meistens sitzen sie still. Besonders beim Lied über "Ghost", den lieben Verstorbenen, den man überall zu sehen, zu hören glaubt, und beim Lied die Großmutter. Die ist 97, leidet an Alzheimer. Ein bisschen erbaulich, ein bisschen vergnüglich ist diese Matinee. Ein bisschen sehr privat. Doch mit gutem Gefühl verlässt man das Konzert.