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TORPEDOS IM ZWEITEN GANG Marina Salamon im Bürgerkeller Weilerbach VON UNSEREM MITARBEITER JÜRGEN NORDMANN
Wenn die Sache mit der alternden Gesellschaft stimmt, müsste es eigentlich viele Leute geben, die sich an die alternativen Kneipen
in den 8oern erinnern können. An heruntergekommene Holzeinrichtungen, problemorientierte Beziehungskisten, schwer diskutierende Friedensbewegte und richtig: ab und zu ein Folkkonzert - eine Gitarre, eine Botschaft, ein Song.
Marina Salamon, die am Samstagabend im Weilerbacher Bürgerkeller gastierte, scheint eins zu eins dieser Epoche – als die Mauer noch stand – entsprungen zu sein.
Das ist nun nichts Negatives. Wie kann die Vergangenheit
negativ sein, wenn die Gegenwart trostlos ist! Wenn Marina Salamon an der Gitarre sitzt, Geschichten
erzählt über die Katalogflut in ihrem Briefkasten, Leute, die sich nicht entscheiden können, oder die Saturiertheit des Alters, ist
das nicht rückständig. Das machen die Großen inzwischen auch, weil Folk gerade in der Indie-Szene als Retro fröhliche Urständ feiert. Noch dazu ist eine gewisse heulsusige Ernsthaftigkeit mega-in.
Das Entscheidende ist
aber: Salamon ist nicht Retro. Sie ist ein Original. Sie scheint sich und der Zeit vor 20 Jahren treu geblieben zu sein. Sie trägt immer noch diesen kleinen geflochtenen Zopf zur Kurzhaarfrisur - wie damals. Man hatte das
Versiegen dieser Mode zwar nicht wirklich bedauert. Aber es jetzt, nach so langer Zeit, auf der Bühne wiederzusehen, rührt doch an. Und dann dieses einfache Konzert! Eine starke Stimme - tief, dunkel, sanft, zuweilen soulig
(erotisch allerdings nicht) und dazu nichts als die gute alte Gitarre. Ja, das hatte was. Und diese beiden Sachen, Gitarre und Gesang, hat sie wirklich gut drauf. Einwandfrei.
Aber Salamon zeigt eben auch, warum es gut
ist, dass manche Mode der 8oer vorüber ist. Sie spielt nämlich ausschließlich melancholische, textlich meist problemorientierte Balladen. Das hat alles eine bestimmte Machart, die ein ganz bestimmtes Flair und eine ganz gewisse
Atmosphäre erzeugt. Die muss man mögen.
Ansonsten fällt eben doch ins Gewicht, dass die Musik monoton angelegt ist, dass sie keine Rhythmuswechsel beinhaltet und dass Salamon bezüglich des Tempos an einen Autofahrerin
erinnert, der immer im zweiten Gang fährt. (Anmerkung der Musikerin: Uiiie - hatte da jemand Ohropax in den Ohren?!?) Das Konzert hatte viel zu viel Moll. Noch dazu war immer wieder eine Kleinigkeit im Alltag der Ausgangspunkt, um sich einmal Gedanken zu machen. In einem Song, versteht sich. Dieses Musiksegment der Liedermacherin beherrscht sie zwar. Allerdings muss auch hier angemerkt werden, dass ihre wenigen deutschsprachigen Songs weitaus authentischer wirken. Warum diese Sängerin ins Englische ausweicht und somit gerade ihr Pfund, die Authentizität, zum Teil selbst torpediert, ist vollkommen schleierhaft.
Es war ein Konzert für Menschen, die dieser
handgemachten, ungeschminkten Alternativstimmung nachhängen. In so einer Stimmung muss ein Konzert nicht aufhören. Die Sängerin dürfte auch bis zum anderen Morgen spielen. Nostalgie pur. Schön - und
warum nicht, werden die begeisterten Zuhörer sagen. Und das immer öfter, weil in der alternden Gesellschaft die alte Zeit zu ihrem Recht kommen muss und die Mode nicht neu, sondern allenfalls retro sein kann.
Eine Gitarre, eine Botschaft, ein Song: Marina Salamon im Bürgerkeller Weilerbach |